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 Bewegung. Basis allen Lebens
Vorwort von Frank Schätzing
Als Goethe Italien bereiste, bewegte er sich nach heutigen
Maßstäben sehr langsam, nämlich in einer Kutsche.
Zwar genoss er den Vorzug staufreier Wege, war ungeachtet dessen
drei Jahre unterwegs. Sein Reisetagebuch ist die minutiöse
Chronik des sukzessiven Wandels. Es zeigt den Geheimrat als
nahezu pedantischen Beobachter, dem kaum ein Detail zu gering
erschien, um es nicht einer Erwähnung für wert zu
befinden. Dieser Reisende war an Vegetation und Bodenbeschaffenheit
mindestens so interessiert wie an Menschen und ihren kulturellen
Errungenschaften. Der Blick aus dem Kutschenfenster schien
ihm beinahe mehr zu bedeuten als der Aufenthalt in der Stadt.
Tatsächlich hatte Goethe nur einziges definiertes Ziel,
nämlich irgendwann nach Hause zu kommen. Ansonsten lässt
sich sein italienisches Abenteuer mit drei Worten umreißen:
In
Bewegung bleiben.
Heute könnte Goethe auf verschiedene Möglichkeiten
zurückgreifen, um dieselbe Route zurücklegen. Er
könnte fliegen, Auto oder Motorrad fahren, die Bahn
nehmen oder sich aufs Rad schwingen. Entsprechend unterschiedlich
fiele seine Reise aus – zum einen, was die Länge
beträfe, zum anderen, was der Geheimrat anschließend
zu berichten hätte. Flöge er etwa von Weimar nach
Mailand, von dort nach Venedig und dann weiter nach Rom,
würde sich ihm dieser Teil der Reise als Abfolge von
Stationen präsentieren. Er nähme ein städtisches
Italien wahr, in allen Facetten. Dafür bliebe die übrige
Welt auf kurze Blicke aus Flugzeugfenstern begrenzt. Führe
er dieselbe Strecke mit dem Auto, würde sich das Verhältnis
zugunsten des Wegs verschieben. Die Reise dauerte länger,
das Land erschiene größer, es bestünde nicht
mehr nur aus Städten, sondern auch aus Autobahnen, Hügeln
und Wiesen. Mit dem Fahrrad schließlich erlebte unser
aller Dichter ein ländliches Italien, in dem Städte
eher die Ausnahme darstellen und ermüdend weit auseinander
liegen.
Wie wir die Welt wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir
uns in ihr bewegen. Darum empfindet eine Schnecke Italien
anders als der Herr Goethe auf seinem Fahrrad, der – aus
Schneckensicht - mit solchem Karacho an ihr vorbei saust,
dass sie gar nichts davon mitbekommt. Verfügte die Schnecke über
kognitives Empfinden und wäre zudem des Schreibens mächtig,
würde sie wohl notieren, Italien sei ein gewaltiges,
ganz und gar von wilder Natur überwuchertes Land, das
in einem einzigen Schneckenleben unmöglich zu bereisen
sei. Mr. Spock von der Enterprise wiederum, der sich natürlich
beamen ließe, nähme ausschließlich Städte
wahr und keinen einzigen Meter Wegs. Jegliche Distanz bliebe
im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke, sein Italien
wäre winzig und voll gestellt mit Häusern.
Bewegung heißt also nicht einfach, sich von einem
Ort zum anderen zu begeben. Je nachdem, wie wir uns bewegen,
gelangen wir zu unterschiedlichen Erfahrungen und Einschätzungen über
dieselbe Sache. Denn das eigentlich Geheimnis der Bewegung
ist, unablässig den Blickwinkel zu verändern, die
Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten, sich ihrer
wahren Natur zu nähern, indem man sie mit Goethe’schen
Beobachtungseifer durchstreift, letztlich die eigene Position
im großen Ganzen zu erkennen. Zugleich ist das Ende
der Bewegung das Ende aller Wahrnehmung. Vor dem Fernseher
sitzend konsumiert man zwar jede Menge Bewegung, selber bewegt
man sich allerdings keinen Zentimeter mehr. Herr Goethe würde
zu Recht in Zweifel ziehen, ob sich aus der Flut der Bilder
Erkenntnis gewinnen lässt.
Natürlich können wir nicht ein Leben lang in Kutschen
unterwegs sein, um Aussagen über fremde Länder
und Kulturen zu treffen. Eines fernen Tages werden wir in
Raumschiffen zu anderen Planeten aufbrechen, und selbst der
allergrößte Romantiker wird dann die Warp-Geschwindigkeit
der Kutschengeschwindigkeit vorziehen. Globale Mobilität
und Internet überwinden riesige Distanzen. Es ist phantastisch,
in 24 Stunden die Erde zu umrunden. Ungeachtet aller Schwierigkeiten,
die sich der zivilisierte Mensch tagtäglich einbrockt,
leben wir in einer großartigen Welt, eben weil wir
die Kutschen überwunden haben. Umso mehr jedoch sollten
wir uns klar machen, welche Bedeutung Bewegung – explizit
die Art und Weise unserer Bewegung - für unser Weltverständnis
hat. Und dass die beobachtete und die tatsächliche Welt
nicht unbedingt dieselbe sein müssen. Dass, wer aufhört,
sich zu bewegen, aufhört zu verstehen.
Dieses Buch kommt der wahren Welt verblüffend nahe,
weil es die Wahrheit relativiert und jedes Bewegungsdogma
aufhebt. Es widmet sich der rasenden Bewegungen von Elektronen
ebenso wie dem unendlich langsamen Vorrücken von Gletschern
oder den Wanderungen ozeanischer Böden. Es lädt
ein, sich mitzubewegen, in allen nur erdenklichen Geschwindigkeiten
und Richtungen, den Kopf zu bewegen, nicht stillzustehen,
zu begreifen. Vor allem, sich selber nicht so wichtig zu
nehmen mit seinen persönlichen Vorstellungen von schnell
oder langsam, nah oder fern. Denn wir sind nur subjektive
Beobachter. Wenn die Schnecke am Tag zehn Zentimeter kriecht,
würden andere Schnecken vielleicht fragen: Wozu die
Hetze? Wenn ein Mensch olympische Bestzeit läuft, würde
ein Elektron vielleicht fragen: Ist er schon gestartet?
Wer sich auf solche Gedankengänge einlässt, wird
dieses Buch lieben – und mit Vergnügen feststellen,
dass es ihn bewegt.
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